Ein bisschen musste ich schmunzeln, als mir gestern die Frage zu dem PTBS-Blog gestellt wurde: „Hast du dir das von der Bundeswehr genehmigen lassen?“ Es zeigt mir aber, dass ich...
Ein bisschen musste ich schmunzeln, als mir gestern die Frage zu dem PTBS-Blog gestellt wurde: „Hast du dir das von der Bundeswehr genehmigen lassen?“ Es zeigt mir aber, dass ich noch etwas grundsätzliches zu meinen Blog-Arbeiten der vergangenen drei Jahre sagen muss.
Missverständnis: „Payroll – ja. Abhängig – nein!“
Meine Entscheidung in den Journalismus zu gehen fiel mit dem Karfreitagsgefecht 2010 zusammen. Ich habe es schlichtweg nicht mehr ertrage können, dass die Bevölkerung ein Bild von den Bundeswehreinsätzen präsentiert bekommt, das gravierend von meinem Erleben vor Ort abweicht und – wohlwollend benannt – unvollständig ist.
Seit 2010 festigte sich bei mir immer mehr der Eindruck, dass es nicht nur unvollständig ist, sondern gezielt manipuliert ist. Journalisten tragen zu diesem Bild erheblich bei. Überwiegend ungewollt wirken sie im Sinne der Bundeswehrführung mit, dass ein Bild zustande kommt, dass an der Realität vorbei geht.
Stück für Stück habe ich seit 2010 versucht, meine Linie zu finden und in meinem Blogprojekt „Medienkonsument“ immer wieder Bundeswehrthemen aufgegriffen. Ein gewisses Misstrauen schlug mir immer entgegen.
Schon meine Tätigkeit als Teil der Truppe für Operative Information legte nahe, dass meine Informationen nicht objektiv seien. Diejenigen die die OpInfo – international auch PsyOp genannt – mit düsteren Propaganda-Zeiten verbunden haben waren und sind mir gegenüber kritisch bis misstrauisch. Verständlich. Mittlerweile sage ich, dass meine journalistische Arbeit in den Bundeswehreinsätzen durchaus journalistisch und kritisch war – aber eben nur PR im Sinne der Einsatzführung produzieren durfte.
Dennoch: seit ich Online-Journalismus in Dieburg studiere nehme ich kein Blatt mehr vor den Mund, greife an, grätsche dazwischen und wo immer ich es für notwendig halte verpasse ich dem Ministerium die Tritte, die notwendig sind. Das hat Folgen.
Auswirkungen, wenn man das Holodeck programmieren will
Meine Kritik an den Einsätzen und der medialen Darstellung verhallt leider all zu oft ungehört. Nicht zuletzt, weil es überwiegend schwer verständlich ist, warum ich die Bundeswehr kritisiere – aber mich dennoch für Soldaten einsetze.
Den Soldaten muss ich selten erklären, dass „Arbeitsebene Truppe“ etwas völlig anderes ist, als die Ebene „Verteidigungsministerium“.
Für die Star Trek Fans wird es verständlich, wenn ich den Arbeitsalltag als real – das Ministerium aber als „Holodeck“ bezeichne: einen abgeschlossenen Raum mit konstruierter Realität.
Das Holodeck agiert und lässt sich von außen kaum beeinflussen. Soll sich innerhalb des Holodecks etwas ändern muss aufwändigste Programmierarbeit geleistet werden – Fehlfunktionen sind an der Tagesordnung und es dauert lange, bis etwas anfängt zu funktionieren. Die Programmierarbeit nennt das Holodeck meistens „Bundeswehrreform“ und lässt in vielen Aspekten nur wenig Realität zu.
Spürbar wurde es für mich, als ich im Oktober 2012 anfing, mein Bachelor-Projekt zu planen. Ich orientierte mich dabei an Projekten vergangener Jahrgänge und setzte auf mein noch nicht ausgeschöpftes Budget, das ich für mein Projekt verwenden wollte.
Dabei stieß ich auf Vorschriften, die es unmöglich machten, dieses Projekt zu verwirklichen. Ich bin nicht der erste Soldat, der das feststellt – aber mit meiner Entscheidung, diesen Kampf öffentlich via Facebook zu führen mutet ich dem Holodeck offenbar zu viel zu.
Die Bundeswehr-Werbung, die in Kampagnen, wie „Wir dienen Deutschland“ praktiziert wird verschweigt, das die Berufsförderung an keine festen Grenzen gebunden ist. Auch, wenn in der Vergangenheit maximale Fördersummen kommuniziert wurden: der einzelne Soldat erhält nur so wenig von diesem Geld, wie es die Haushaltslage zulässt.
Als ich diese Aspekte über die provokante Facebook-Seite „Wir dienten Deutschland“ kundtat musste es auf wenig Gegenliebe stoßen. Die Auswirkungen wurden schon bald konkret.
Seit Dezember 2012 plante ich eine Wehrübung bei der Luftlandebrigade in Saarlouis durchzuführen. Seitens der Personalabteilung wurde alles in die Wege geleitet – meine Einberufung für eine 5-tägige Wehrübung war bereits zugestellt. Ziel war, den Dienstposten eines Presseoffiziers kennen zu lernen und regelmäßig den Dienstpostenhinhaber zu vertreten, wenn dieser lehrgangs- oder urlaubsbedingt abwesend ist.
Auf Anordnung, die offenbar aus Kreisen des Ministeriums kam musste diese Wehrübung nur eine Woche vor Beginn wieder aufgehoben werden. Die Personalabteilung entschuldigte sich – konnte auch die Beweggründe nicht nachvollziehen. Fakt: das Holodeck traut mir nicht mehr über den Weg.
Staatsfeind?
Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich mich in Richtung „Links“ orientiere und das ich bundeswehrkritisch bin. Nicht nur, wenn es um die Darstellung der Auslandseinsätze in den Medien geht.
Ich kritisiere offen, wenn des Bundesministerium nach eigenen Auswahlkriterien agiert und Journalisten willkürlich von einer Berichterstattung über die Auslandseinsätze fernhält. Viele Journalisten-Kollegen wissen: das Ministerium informiert nur diejenigen, die sich durch eine wenig kritische bis bundeswehrfreundliche Berichterstattung auszeichnen.
Das Vorgehen mag ich für zivile Unternehmen noch hinnehmen. Ich denke mir für gewöhnlich „Arschloch“, gehe darüber hinweg und berichte nicht weiter über solche Unternehmen.
Gleiches gilt für Ministerien, wie das Aigner-Verbraucherministerium, dass sich mit der Öffentlichkeitsarbeit der Gallionsfigur nur all zu gerne in der Lächerlichkeit von 10-Punkte-Plänen präsentiert.
Spätestens aber beim Verteidigungsministerium hört der Spaß auf.
History Repeating
Zu Zeiten des dritten Reiches wurde die Presse aktiv manipuliert und durch das Propaganda-Ministerium zensiert. Ich erkenne immer weniger Unterschiede zum heutigen Verteidigungsministerium, das nach eigenem Belieben Journalisten unterstützt oder aussperrt.
Journalistenkollegen berichten von einer “No-Flight-List”. Wer auf dieser „Liste“ steht wird von der Bundeswehr nicht mit in Einsatzländer genommen. Ohne ein etabliertes Medium im Rücken verwehrt die Bundeswehr Journalisten Mitflüge und den Zugang ins Lager. Wer als freier Journalist unabhängig über das Ministerium berichten will, dass mit Waffengewalt in Einsatzländern agiert muss also viel Geld mitbringen und riskiert immer wieder mangelnde Objektivität vorgeworfen zu bekommen, wenn das Ministerium nicht gehört wird.
Bedrückend ist, dass ich viele junge Journalisten-Kollegen erlebe, die sagen: „Naja, ist doch klar. Das Ministerium will keine schlechte Presse.“ und damit das Thema abhaken. Auch hier wird deutlich, dass nur finanzielle Unabhängigkeit gewährleistet, kritischen Journalismus zu betreiben.
Meine Linie
Ich werde damit leben müssen, dass ich in meinen Artikeln angreifbar bleibe. Informationen, die mir zunächst fehlen können nach der Veröffentlichung gezielt durch die Bundeswehr gestreut werden und lassen mich in meiner Arbeit dann „inkompetent“ wirken.
Andere Journalisten dürfen mit der Bundeswehr reisen – als freier Journalist ist das für mich nicht möglich und ich bin auf Sekundärquellen angewiesen. Gleichzeitig kann es sich kaum eine Redaktion leisten, das Bundeswehrthema kritisch zu begleiten und dem Ministerium die Stirn zu bieten.
Das erlebt gerade die WAZ-Gruppe. Das Verteidigungsministerium klagt wegen einer angeblichen Urheberrechtsverletzung – hält sich aber gleichzeitig nicht immer Auskunftspflichten nach dem Informationsfreiheitsgesetz oder nach den Pressegesetzen.
Mit meiner Entscheidung, dieses Ministerium anzugehen schade ich mir vermutlich selbst. Meinen Therapieplatz für die PTBS-Behandlung und die Aufnahme in die Schutzfrist sehe ich gefährdet. Die Schutzfrist ist die Weiterbeschäftigung durch die Bundeswehr solange die Therapie einer einsatzbedingten Erkrankung dauert. So sehr ich es hasse – ich brauche die Fachkompetenz des Bundeswehr und die Zeit, die Einsatz- und Kriegserlebnisse aufzuarbeiten.
Zwei Herzen schlagen in meiner Brust: das, des Soldaten und das des Journalisten.